Praxisklinik Dr. med. Becker, Dr. med. Lassner

Von der Zanderanstalt (seit 1893) zur Chirurgie des Bewegungsapparates

1893
Am 4.8.1893 erhielt Dr. Arthur Bertling (1851-1894) die Konzession, in dem seitens der Stadt Aachen im Boxgraben zu diesem Zweck errichteten Neubau nach Maßgabe des angehefteten Lageplans nebst Beschreibung in den daselbst angegebenen Räumen eine medico-mechanische (Zander) Anstalt einzurichten und in Betrieb zu nehmen. *1

Als medico-mechanische Zanderanstalten verstanden sich Gymnastikinstitute, in denen Patienten mittels der vom schwedischen Arzt Dr. Gustav Wilhelm Zander entwickelten Heilgymnastik behandelt wurden. Die Apparate ließen sich in vier Gruppen unterteilen:

  1. Apparate für aktive Übungen
  2. Apparate für passive Bewegungen, Balancierbewegungen und mechanische Einwirkungen
  3. Orthopädische Apparate
  4. Messapparate

Auf 550 m² standen in Aachen 73 Zanderapparate zur Verfügung. 1895 übernahm Dr. Wilhelm Wagner die Zanderanstalt und behandelte „die meisten chronischen Krankheiten, namentlich von Cirkulations-Krankheiten, Athmungs- ,Verdauungs- und Bewegungsstörungen, von Constitutions-Krankheiten (Bleichsucht, Fettsucht) und nervösen Erkrankungen. Anfertigung orthopädischer Apparate Henningschen und eigenen Systems, zur Behandlung von Verkrümmungen und Gelenkerkrankungen. *2

1900
Am 12. Dezember 1900 übernahm Dr. med. August Sträter die Zanderanstalt. Unter seiner Leitung entwickelte sich die bis dahin im ursprünglichen Sinne Zanders betriebene medico-mechanische Heilanstalt zu einem überwiegend orthopädischen Institut mit allen derzeit verfügbaren diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten. In eigener Werkstatt wurden jetzt orthopädische Hilfsmittel angefertigt. Bereits 1900 hatte Dr. Sträter der Anstalt ein Röntgenlaboratorium angegliedert, in dem Röntgendiagnostik und Strahlentherapie betrieben wurden.
Im Sommer 1913 übertrug Dr. Sträter die Leitung der Zanderanstalt an Dr. med. Friedrich Pauwels und widmete sich selber der Weiterentwicklung der Radiologie. Im Erdgeschoß des Hauses Boxgraben 56 wurde die orthopädische Praxis untergebracht, es entstanden zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten für Massage, Elektrotherapie und Bestrahlung. Räumlich getrennt lagen ein Gipsraum und ein Operationssaal. Die orthopädische Werkstätte wurde ausgebaut. Es wurden Schienenhülsenapparate, Stützkorsette und Prothesen gebaut. Zusammen mit dem Ingenieur Felix Meyer entwickelte Dr. Pauwels 1915 den „Rota-Arm“ als Arbeitsarm für Arm-Amputierte.
In der zur orthopädischen Heilstätte erweiterten medicomechanischen Zanderanstalt behandelte Friedrich Pauwels
„sämtliche, in das Gebiet der chirurgischen und mechanischen Orthopädie und Unfallchirurgie fallenden Erkrankungen (...), soweit dies ambulant möglich war. *3
Ab 1924 baute Friedrich Pauwels in dem der Praxis benachbarten Luisenhospital eine orthopädische Belegabteilung auf, wo er größere orthopädische Eingriffe durchführen konnte und wo ihm 1927 erstmals durch klinisch-operative Anwendung seiner bio-mechanisch erforschten Grundlagen die Heilung einer Schenkelhalspseudarthrose gelang. Während seiner Tätigkeit im Luisenhospital beschäftigte er sich vermehrt mit grundlegenden Fragestellungen der funktionellen Anatomie und Mechanik des Bewegungsapparates. In den Jahren zwischen 1924 und 1934 leistete Pauwels die Vorarbeit für die Monografie „ Der Schenkelhalsbruch – ein mechanisches Problem“ (1935) und für weitere Veröffentlichungen zur Biomechanik des Bewegungsapparates. (Klassifikation nach Pauwels I, II, III)
Er wurde damit zum weltweit geachteten Begründer der Biomechanik in der Orthopädie und funktionellen Anatomie.

1934
1934 schied Friedrich Pauwels aus dem Dienst des Luisenhospitals aus und wurde Chefarzt der neugegründeten orthopädischen Klinik in den städtischen Krankenanstalten (1934-1960). Die Zanderanstalt und Praxis am Boxgraben wurde im 2. Weltkrieg völlig zerstört. Die Praxis wurde 1952 wiederaufgebaut mit einem Trakt orthopädische Praxis, einem Röntgeninstitut und einer orthopädischen Werkstatt.

1958
Im Jahre 1958 trat Dr. med. Wilhelm Baumann in die orthopädische Praxis von Prof. Dr. Pauwels ein, bei dem er seit 1945 zuerst als Student, seit 1952 als Privatassistent gearbeitet hatte und ausgebildet wurde.
Ab 1965 führte Dr. Baumann die Praxis alleine fort.
Auch über den Tod von Professor Pauwels (1980) hinaus ist Dr. Wilhelm Baumann zusammen mit anderen Schülern Pauwels ein engagierter Vertreter des wissenschaftlichen Werkes der Biomechanik in aller Welt. Darüberhinaus hat er sich schon früh den chirotherapeutischen Behandlungsmethoden gewidmet, die er bis heute auf biomechanischer Grundlage zum Wohle de Patienten einsetzt.
In Zusammenarbeit mit dem Pauwelsschüler Dr. Maquet in Lüttich werden – auch im Zeitalter der Endoprothetik – noch heute Patienten nach den noch hochaktuellen Grundsätzen der Biomechanik operativ versorgt.

1988
Im September 1988 gründet Dr. Wilhelm Baumann mit Dr. med. Dipl. Ing. Friedhelm Schmitz eine Praxisgemeinschaft. Nach Errichtung einer modernen Operationsabteilung kommt als neuer Schwerpunkt die ambulante arthroskopische Gelenkbehandlung hinzu. In den ehemaligen Räumen der orthopädischen Werkstatt wird eine krankengymnastische Praxis ( R. Kisters) eingerichtet. Nach dem Tode von Dr. Hofer (1993) wird die Röntgenpraxis, die ebenfalls 1952 von Dr. med. Kreutzwald und später Dr. med. Lürken betrieben wurde, in die orthopädische Praxis integriert.

1993/94
1993 wird die orthopädische Gemeinschaftspraxis mit dem Orthopäden Dr. med. Matthias Weg erweitert

2004
Nach dem Umzug der orthopädischen Gemeinschaftspraxis in das Ärztehaus am Franziskuskrankenhaus wird mit den Plastischen Chirurgen und Handchirurgen der Privatdozenten Dr. med. Michael Becker und Dr. med. Franz Lassner unter dem Schwerpunkt der Rekonstruktiven Mikrochirurgie der peripheren Nerven und Gefäße die Tradition der speziellen Chirurgie des Bewegungsapparates weiter fortgesetzt.

2005
Anläßlich des 120. Geburtstages von Prof. Pauwels wird im Mai des Jahres die ehemalige Wirkungsstätte zum Gedenken an den großen Sohn der Stadt Aachen in
PAUWELSHAUS umbenannt.

Der Anästhesiologe Dr. med. Horst Käsmacher-Leidinger tritt in die Praxisgemeinschaft Plastische Chirurgie/Handchirurgie ein. Das ambulante Op-Zentrum wird im Herbst des Jahres wiedereröffnet.

2007
Gründung der Pauwelsklinik als Zentrum für überregionale Versorgung komplexer Nervenverletzungen und deren Folgeschäden.

2010
Die Fachärztin für plastische und ästhetische Chirurgie Dr. med. Natascha Brepols-Oberländer schließt sich der Pauwelsklinik als angestellte Ärztin an.
Frau Dr. med. Claudia Ocampo-Paves, Fachärztin für plastische und ästhetische Chirurgie operiert und behandelt als Kooperationsärztin in den Räumen der Pauwelsklinik.
Der Orthopäde Dr. med. Henrik Behnes eröffnet eine operative Zweigpraxis in den Räumen der Pauwelsklinik und setzt damit die orthopädische Tradition der arthroskopischen Gelenkbehandlung fort.

 

Quellen:
Friedrich Pauwels, Dissertationsarbeit
Regina- Maria Weigmann, RWTH-Aachen 1990

1. Hauptstadtarchiv Düsseldorf Akte 16451
2. Stadtarchiv Aachen: Adressbuch von Aachen und Umgebung, 1897
3. Städtisches Wohlfahrtsamt (Hrsg.): Die Wohlfahrtseinrichtungen in der Stadt Aachen, S 192