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Interplast Einsatz in Akkra / Ghana vom 27. Oktober bis zum 10. November 2002.

Interplast – die Idee

Interplast ist ein gemeinnütziger Verein, der sich zum Ziel gestellt hat, plastisch-chirurgische Hilfeleistung in Entwicklungsländern anzubieten. Er wurde 1980 in Frankfurt gegründet. Vorbild für diese Initiative waren Einsätze amerikanischer plastischer Chirurgen in Mittelamerika, der deutsche Plastische Chirurg Lemperle brachte diese Idee von einem Amerikaaufenthalt nach Europa und konnte das Konzept in Europa etablieren.

Das Konzept

Ziel der Einsätze ist es, den Patienten zu helfen, die entweder keinen Zugang zu speziellen chirurgischen Therapien haben oder diese nicht bezahlen können. Schwerpunkt bei den Einsätzen ist die Behandlung von funktionellen Störungen. Das Spektrum der möglichen Operationen ist groß. Es läßt sich in die großen Bereiche angeborene Fehlbildungen und Verletzungsfolgen einteilen. Bei den angeborenen Fehlbildungen nehmen die Lippen – Kiefer- Gaumenspalten den größten Platz ein, gefolgt von den Handfehlbildungen. Bei den Verletzungsfolgen spielen die Narbenkontrakturen nach Verbrennungen und die Defekte nach Unfällen oder Kriegsfolgen die größte Rolle.  Der Verein INTERPLAST finanziert die Reise des Operationsteams und den Aufenthalt vor Ort. Die Operationen werden von dem Team unentgeldlich vorgenommen, die für den Einsatz in der Regel Urlaub nehmen.

Ein wesentlicher Vorteil von Interplast ist die schlanke Organisationsstruktur. Die Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, so daß keine Spendengelder für administrative Zwecke verbraucht werden müssen. Die Einsätze werden nicht zentral orgenisiert, sondern von den Teams in Eigenregie geplant. Jedes Team ist für die Planung und die Durchführung der Einsätze verantwortlich. Die arbeitsrechtliche Absicherung (BG-liche Versicherung) erfolgt durch die Dachorganisation, von der auch die Jahrestreffen organisiert werden. Letztere dienen dem Erfahrungsaustausch und der Angleichung der Konzepte.

Struktur eines Einsatzes

Das für den Einsatz notwendige Material, und dazu zählen Medikamente, Verbandsmaterial, OP – Verbrauchsmaterial und Narkosemittel, wird entweder über Spenden der Industrie gesammelt oder über Spendengelder gekauft.

Ziel der Einsätze ist es, in kurzer Zeit einer möglichst großen Anzahl von Patienten die begrenzten operativen und materiellen Ressourcen zukommen zu lassen. Die sinnvolle Durchführung eines Einsatzes in einem Entwicklungsland setzt eine gute Kooperation mit lokalen Autoritäten voraus. Diese stellen die Räumlichkeiten in einem Krankenhaus (Ambulanz, OP, Station) zur Verfügung und, wenn nötig, den Transport. Idealerweise bestehen persönliche Kontakte von Mitgliedern des Teams zu einheimischen Ärzten oder Politikern, was die Organisation erleichtert. Auch kann so besser sichergestellt werden, daß das Angebot einer freien operativen Versorgung auch wirklich nur von bedürftigen Patienten in Anspruch genommen wird.

Akkra 2002

Das Team bestand aus 5 Mitgliedern:
Astrid Krönchen, Anästhesistin
Franz Lassner, Plastischer Chirurg
Beatrice Abogaye, Anästhesieschwester
Truus Riuten-Pijls, OP – Schwester
Stefanie van den Boom, OP – Schwester

Beatrice Abogaye ist Ghanaerin und lebt seit 30 Jahren in Deutschland. Aufgrund ihrer engen familiären Bindungen in Ghana konnten wir im Vorfeld Kontakte zu einflußreichen Vertretern des ghanaischen Gesundheitswesens herstellen und den Einsatz planen. In Akkra gibt es zwei große Krankenhäuser, die prinzipiell bereit waren, ein solches Projekt zu unterstützen: das Universitätsklinikum Korlebu und das Militärkrankenhaus Nr 37. Ursprünglich war eine Kooperation mit der Uniklinik geplant, weil der schon fest gebuchte Einsatz aber von Seite der Afrikaner kurzfristig abgesagt wurde, mußte das gesamte Projekt um ein halbes Jahr verschoben werden. Nach dieser Erfahrung planten wir den zweiten Anlauf mit den Militärs, und konnten dann zwei Wochen lang (vom 25.10.bis zum 8.11. 2002) in Militärkrankenhaus in Akkra operieren.

Bei einem Ersteinsatz in einem neuen Land müssen zunächst die lokalen Gegebenheiten erkundet und Infrastrukturen aufgebaut werden. Bea Abogaye ist 2 Monate vor dem eigentlichen Einsatz für 3 Tage nach Ghana gereist und konnte wichtige Informationen einholen sowie unsere direkten Mitarbeiter vor Ort persönlich kennenlernen. Eine Fülle von Detailfragen war zu klären: welche Spezialinstrumente stehen vor Ort zur Verfügung, was ist von uns mitzubringen, welche Verbrauchs-matierialien müssen bestellt werden, wie z.B. Dermatomklingen, Folien zur Hautexpansion etc. Group Captain Laryea, Ärztlicher Direktor der chirurgischen Abteilungen, wurde für das Projekt gewonnen und unterstützte unsere Arbeit mit viel Engagement, es stand uns ein modern eingerichteter OP zur Verfügung.

4 Wochen vor dem Einsatz wurde dann das Material gepackt, für den Zoll zweisprachig gelistet und per Luftfracht nach Akkra geschickt, insgesamt 300 kg Luftfracht. Ein Schreckensszenario für jeden Interplast Einsatz sind Probleme und tagelange Wartezeiten beim Zoll, die dann wertvolle Zeit vergeuden. Uns war versprochen worden, das Material schon vor unserer Ankunft durch den Zoll zu schleusen und bereits im Krankenhaus zu deponieren, was aber erst nach unserer Ankunft geschah und zusätzliche Telefonate kostete. Die Palette mit dem Material konnte dann im Krankenhaus in Empfang genommen werden. Wir erhielten einen Raum zur Verfügung gestellt, in dem wir ein provisorisches Materiallager einrichten konnten. Die Verbrauchsmaterialien wurden sortiert und die Instrumente zu Sterilisierung vorbereitet.

Textfeld:

Patienten waren entsprechend unseren Vorgaben einbestellt worden, und wir konnten am Tag nach der Ankunft 12 Patienten untersuchen und die ersten Operationstage planen. Die Untersuchungen fanden im Abulanzbereich der Klinik statt, hier konnten auch die bereits operierten und entlassenen Patienten betreut und verbunden werden. Die operierten Patienten wurden auf verschiedenen Stationen unterge-bracht. Das Krankenhaus wird gerade komplett modernisiert, der Großteil der Patienten wurde in den bereits fertiggestellten neuen Stationen untergebracht.

Am ersten Tag unseres Aufenthaltes führten wir ein Interview mit einer überregionalen Zeitung, was uns viele zusätzliche Patienten aus Akkra und Umgebung zuführte. Allerdings bedeutete das auch, daß wir täglich vor dem Beginn des Op-Programmes Sprechstunde abhalten mußten und dadurch erst gegen 11 Uhr mit den Operationen beginnen konnten. Leider kamen mehrere Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen erst in den letzten Tegen unseres Aufenthaltes, so daß wir sie nicht mehr operieren konnten, sie wurden für das nächste Jahr einbestellt. Diese organisatorischen Probleme sind bei einem Ersteinsatz unvermeidlich. Für die Folgeeinsätze ist vereinbart, daß wir möglichst alle Patienten am ersten Tag sehen, so daß wir effektiver planen können. Insgesamt wurden an 10 Operationstagen 40 Patienten operiert, die Eingriffe selbst rangierten von einfachen Spalthauttransplantationen zu komplexen mehrstündigen Eingriffen unter Einsatz von mikrochirurgischen Techniken.

Hierzu einige Beispiele:



Bei diesem 15-jährigen Jungen bestand eine inkomplette Syndaktylie von Mittelfinger und Ringfinger. Mißbildungen dieser Art werden üblicherweise im 2. Lebensjahr getrennt. Die Trennung erfolgte unter Verwendung von Lappenplastiken und einem Hauttransplantat aus der Leiste. Wesentlich dringlicher wäre die Operation bei dem Mädchen ge-wesen, welches weiter unten abgebildet ist und eine komplette Ver-wachsung aller Langfinger beider Hände aufweist. Sie kam aber erst am Ende unseres Aufenthaltes in unsere Ambulanz, so daß die Korrektur bei ihr auf nächstes Jahr verschoben werden mußte.





Ein zwölfjähriges Mädchen hatte im Alter von 2 Jahren eine Verbrühung des linken Armes erlitten. In der Folgezeit war eine narbige Kontraktur entstanden, die den Ellenbogen in eine fixierte Beugestellung von 120° gebracht hatte. Verbrennungskontrakturen sind ein häufiges Problem in Ländern, die keine ausreichende Versorgung von Verbrennungs-verletzungen gewährleisten können. Die narbigen Kontrakturen entstehen in Arealen, die von der Verbrennungstiefe her eigentlich operationspflichtig waren und die durch Narbenbildung abheilten. Besonders tragisch ist es, wenn solche Verletzungen im Kleinkindalter auftreten und die Patienten dann für ihr Leben invalidisiert sind. Mit überschaubarem Aufwand kann man diese Kinder vor einem solchen Schicksal bewahren.

Weil bei unserer Patientin durch die lange bestehende Beugekontraktur sekundäre Schrumpfungen der Sehnen, Nerven und Gelenk – Kapselstrukturen entstanden waren, konnte in dem ersten Eingriff nicht eine volle Streckung wiederhergestellt werden. Die 5-stündige Operation erforderte die Lösung der verkürzten funktionellen Strukturen und den plastischen Ersatz einer großen Hautfläche auf der Beugeseite des Ellenbogens durch eine Lappenplastik vom Unterarm. Die Beugekontraktur konnte um 40° gebessert werden, die weitere Streckung muß durch krankengymnastische Übungsbehandlung erzielt werden.

 


 

Als Folge einer schweren Gesichtsverletzung kam es bei dieser Patientin zu einer narbigen Verziehung des Unterlides. Der unvollständige Lidschluß führt zu chronischen Entzündungen und in der Folge zu möglicher Beeinträchtigung der Sehleistung. Die Korrektur wurde durch eine Hauttransplantation vorgenommen, im unteren Bild ist unter dem korrigierten Lid noch das mit Fäden fixierte Verbandsmaterial zu erkennen. Die weitere Nachsorge wurde von den Ghanaischen Kollegen übernommen, und wie sie uns inzwischen berichten konnten, ist das Transplantat vollständig eingeheilt.

Diese Möglichkeit der Nachsorge durch unsere Ghanaischen Kollegen versetzt uns in die Lage, unsere Einsätze wesentlich effektiver zu planen. Bisher war es üblich, die komplette Nachsorge der Patienten durch das Interplast Team zu gewährleisten. Dies bedeutet dann natürlich, daß die großen Eingriffe in der ersten Woche abgeschlossen sein müssen, damit genügend Zeit für die Nachsorge bleibt. Für die zweite Woche konnten nur kleinere, und dann meistens auch medizinisch weniger relevante Operationen durchgeführt werden. Wir sehen in Akkra dagegen eine gute Möglichkeit, durch das vorhandene Interesse an speziellen plastischen Operationen einen Teil der Behandlung an unsere Kollegen vor Ort zu übertragen. Wir haben für künftige Einsätze abgesprochen, daß uns ein junger Kollege zugeteilt wird, der von uns angelernt wird. So können wir möglicherweise lokale Strukturen in Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe zu etablieren.

Fazit:

Wir haben in Akkra die Möglichkeit, Plastische Chirurgie unter sehr guten Bedingungen zu betreiben. Auch komplexe Eingriffe sind möglich, weil der technische Standard der Einrichtungen hoch und die chirurgische Nachbehandlung gesichert ist. Weitere Einsätze sind geplant, schon jetzt haben wir mehr als 15 Patienten auf eine Warteliste für das kommende Jahr gesetzt. Es ist damit zu rechnen, daß die Anzahl der Patienten stark ansteigen wird, so daß eine dauerhafte Kooperation sinnvoll ist, was auch von Seiten unserer ghanaischen Kollegen unterstützt wird. Der nächste Einsatz ist für Ende 2003 geplant.

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